Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Christian Specht,
die Musikbibliothek im Dalberghaus hat eine lange und eng mit der Stadt Mannheim verbundene Geschichte. Vor mehr als 100 Jahren konnte sie mit städtischer Unterstützung eröffnet werden, in den 1930er Jahren wurde sie von der Stadt übernommen. Bereits 1930, noch während der Frühzeit der Schallindustrie, richtete sie als erste Bibliothek Deutschlands ein Schallplattenarchiv ein.
Nachdem sie während des Zweiten Weltkriegs ihre Bestände wegen eines Bombenangriffs verloren hatte, konnte sie 1950 als Abteilung der Stadtbücherei ihre Arbeit erneut beginnen und mit einmaligen Sammlungen zur Mannheimer Schule, Mannheimer Musikgeschichte und zu Komponistinnen einen unverzichtbaren Teil zum kulturellen Leben der Stadt beitragen.
Dieser Wiederaufbau und die Fortführung ihrer Arbeit bis heute passt sehr gut in das Thema Ihrer Neujahrsansprache, denn auch hier geht es um Menschen, Mut, Ideen und Zuversicht.
Wegen der Krise des kommunalen Haushalts gibt es Pläne, die Finanzierung der Musikbibliothek im Dalberghaus stark zu reduzieren oder die Bibliothek ganz zu schließen. Ein Umzug in die Zentralbibliothek wird nach Ansicht der Bibliotheksleitung zwangsläufig zu einer platzbedingten Bestandsreduktion führen.
Die Musikbibliothek im Dalberghaus ist ein wichtiges Zentrum für Mannheim, um Musik und Musiksammlungen kontinuierlich zu sichern und verlässlich zugänglich und erlebbar zu machen. Durch das Zusammenspiel aus lebendigen Beständen, engagiertem Personal und einladenden Räumlichkeiten ist die Bibliothek ein öffentlicher Ort der Bildung, der Kultur und der Demokratie für alle: Sie fördert Lese- und Medienkompetenz und ist ein wichtiger Partner von und Musikschulen sowie von lokalen Ensembles.
Mit ihrem weitreichenden Angebot von Konzerten, Workshops, Ausstellungen, Führungen und Vorträgen ermöglicht sie auch abseits ihrer umfangreichen Bestände freien Zugang zu Wissen, Kultur und Unterhaltung für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Altersklasse und sozialem Status. Gerade weil die Bibliothek nicht kommerziell arbeitet und keinem Wettbewerbsdruck unterliegt, kann sie Vernetzung, Innovation und kulturelle Vielfalt ermöglichen. Dafür braucht sie weiterhin einen geeigneten, eigenständigen Raum. Deshalb muss sowohl ihre institutionelle Struktur als auch ihre räumliche Infrastruktur gestärkt und gesichert werden – nicht geschwächt.
Die Musikbibliothek im Dalberghaus ist zudem ein wichtiger Partner und Knotenpunkt im Netzwerk deutscher Musikbibliotheken. Nicht zufällig wird 2026 der Kongress der Internationalen Vereinigung der Musikbibliotheken, Musikarchive und Musikdokumentationszentren hier tagen. Den mehr als 200 institutionellen und individuellen Mitgliedern wird die Musikbibliothek Raum bieten, voneinander zu lernen, Netzwerke zu stärken und die musikalische wie kulturelle Geschichte Mannheims zu entdecken.
Gemeinsam mit der Musikbibliothek im Dalberghaus wollen und können wir das musikalische Erbe Deutschlands bewahren und den Zugang dazu fördern. Dazu braucht es geeignete Räume, Personal, Mut, Ideen und Zuversicht.
Mannheim ist seit 2014 UNESCO City of Music. Dieser Status ist nicht nur ein Schmuck, sondern auch eine Verpflichtung, musikalische Bildung, Teilhabe und Vernetzung institutionell abzusichern. Eine Musikbibliothek gehört in diesem Zusammenhang zur kulturellen Basisinfrastruktur der Stadt: Sie verankert musikalisches Wissen, ermöglicht Teilhabe und Vernetzung im öffentlichen Raum und macht den Anspruch des UNESCO-Titels im Alltag erfahrbar.
Im Namen der Internationalen Vereinigung der Musikbibliotheken, Musikarchive und Musikdokumentationszentren bitten wir Sie dringend, den Sparkurs der Stadt Mannheim zu überdenken und auch in der stark angespannten Haushaltslage die Finanzierung der Musikbibliothek zu sichern und ihren Standort im Dalberghaus beizubehalten.
Wir appellieren daher an Sie, sicherzustellen, dass
- die Musikbibliothek innerhalb der Zentralbibliothek organisatorisch als eigene Abteilung bestehen/erkennbar bleibt
- weiterhin genügend Mittel bereitgestellt werden, um den Bestand weiterzuführen und regelmäßig zu aktualisieren
- ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um die Sondersammelgebiete Mannheimer Schule und Komponistinnen zu erhalten und um diesen Bestand zu erweitern
- genügend Personal für Fachfragen zur Verfügung stehen wird
- die Veranstaltungsarbeit im Musikbereich im gleichen Umfang fortgesetzt werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
Ruprecht Langer
Präsident der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres (IAML), Ländergruppe Deutschland
Diesen Brief wird die deutsche Ländergruppe der IAML digital auf ihrer Webseite veröffentlichen.
